Musikakademie in Liechtenstein - Im Gespräch mit Drazen Domjanic
Drazen Domjanic vereint auf beeindruckende Weise künstlerische Exzellenz mit unternehmerischer Weitsicht, betriebswirtschaftlichem Scharfsinn und strategischem Gespür. Mit enormer Durchsetzungskraft sowie einem feinen Sinn für Wirkung und Netzwerke hat er nicht nur die Musikakademie in Liechtenstein zu einer international anerkannten Institution aufgebaut.
Die klassische Musik hat für ihn eine zentrale Bedeutung. Mit der Musikakademie in Liechtenstein hat er eine Institution von internationalem Rang geschaffen, die der Welt der klassischen Musik weit über die Landesgrenzen hinaus Impulse gibt und Liechtenstein ein einzigartiges Renommee verleiht.
Wenn er über Musik spricht, tut er dies mit Würde, Leidenschaft und tiefer Ehrfurcht. Mit aussergewöhnlicher Disziplin und grossem persönlichem Einsatz engagiert er sich für die Förderung junger musikalischer Talente. In unserem Gespräch ist diese Leidenschaft deutlich spürbar, ebenso wie seine Disziplin, sein Humor und die Freude am gemeinsamen Lachen.
Diese Mischung aus Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit, aus Präzision und Emotion, ist es, die auch die klassische Musik auszeichnet. Drazen Domjanic verkörpert sie in besonderer Weise.
Im Rahmen der Markenpartnerschaft mit Liechtenstein Marketing steht die Musikakademie in Liechtenstein unter dem Label «Innovation aus Liechtenstein». Wir wollten von Drazen Domjanic wissen: Wie hat alles begonnen?
Drazen Domjanic: «Das hat eine lange Geschichte. Bereits 1996 haben wir die ersten Meisterkurse in Liechtenstein durchgeführt, damals noch unter dem Namen Stiftung Musik und Jugend, die Frau und Herr Brock zu jener Zeit gegründet haben. In diesen Jahren begann das grundsätzliche Nachdenken: Was braucht es wirklich, um junge musikalische Talente nachhaltig zu fördern?
Ein entscheidender nächster Schritt folgte 2006. In diesem Jahr fanden die ersten Meisterkurse im Guido-Feger-Saal der Liechtensteinischen Musikschule in Triesen statt. Dort nahm das, was später zur Musikakademie in Liechtenstein werden sollte, erstmals konkrete Formen an.»
Wer hat diesen Denkprozess angestossen und wie entstand daraus die Idee einer Musikakademie in Liechtenstein?
Drazen Domjanic: «Das waren Herr Brock und ich. Ich hatte damals die Firma DOWANI und suchte für die weltweite Expansion einen Partner. So bin ich auf Herrn Brock gestossen, der bereits 1996 in Liechtenstein die gemeinnützige Stiftung Musik und Jugend gegründet hatte – mit dem Zweck, bedürftige und talentierte Jugendliche sowie Institutionen zu unterstützen, die sich diesem Bereich widmen.
Mit DOWANI hatten wir ein Lernmittel entwickelt, das genau dazu passte: zur Qualitätssteigerung in der Breite und zur schnelleren Entwicklung hin zur Spitze. Dieses Zusammenspiel hat sehr gut funktioniert. 2005 wurde die Firma DOWANI verkauft, und der gesamte Erlös ging an die Stiftung Musik und Jugend.
2006 begannen wir mit drei Lehrern, die ersten Meisterkurse zu organisieren, zwei pro Jahr. Sehr schnell merkten wir, welches Potenzial darin steckt. Vor allem junge Menschen, auch Kinder aus der Region, profitierten enorm davon. Damals waren es Jugendliche wie Moritz Huemer, Sara und Andreas Domjanic, Kian Soltani, Aaron Pilsan und viele andere, die hier waren.
2008 habe ich – in Anwesenheit der verstorbenen Fürstin I.D. Marie-Aglaë von und zu Liechtenstein und der damaligen Bildungs- und Kulturministerin Aurelia Frick – erstmals öffentlich ausgesprochen, dass ich von einer Musikakademie in Liechtenstein träume. Zwei Jahre später, 2010, war es so weit: Durch die Stiftung Musik und Jugend wurde die Musikakademie in Liechtenstein gegründet.»
Die Musikakademie ist für ihre Intensiv-Wochen bekannt. Bedeutet das, dass hier auf besonders hohem Niveau gelernt und gearbeitet wird?
Drazen Domjanic: «Ja, absolut. Wir arbeiten nach dem Prinzip: Nur das Beste ist gut genug. Jeder Kurs ist streng ausgewählt, pro Instrument nehmen wir nur sechs Teilnehmende auf. Unser Anspruch war von Anfang an höchste Qualität, sowohl in der Förderung als auch in der Herausforderung.
Wenn wir zurückblicken, zeigt sich, welche Karrieren aus diesen Intensiv-Wochen hervorgegangen sind: Kian Soltani, heute international erfolgreich, oder Luka Šulić, der mit «2Cellos» weltweit bekannt wurde – nur zwei von vielen. Das spricht für die Qualität der Musikakademie. Viele weitere Absolventinnen und Absolventen treten auf den grossen Weltbühnen auf, spielen mit internationalen Orchestern und bereichern die klassische Musik.»
Innovation aus Liechtenstein – das braucht mehr als eine gute Idee. Und es braucht Menschen, die diese unterstützen. Wenn Sie zurückblicken: Was habt Ihr alles richtig gemacht?
Drazen Domjanic: «Ich glaube, wir haben vieles richtig gemacht, weil wir uns von Anfang an die höchsten Ziele gesetzt haben. Ich glaube, nur wenn man sich die höchsten Ziele steckt, hat man auch die Richtlinien, wie man sie erreicht.
Unsere Innovation betrifft nicht nur den instrumentalen Unterricht, das ist nur ein Teil davon. Das wirklich Innovative an unserer Akademie ist, dass wir die Musikbranche modernisieren. Viele Musikuniversitäten wirken noch wie aus dem 19. Jahrhundert, träge, grosse Institutionen. Als private Einrichtung haben wir sehr viel mehr Beweglichkeit: Wir sind nicht im Bologna-System, wir sind nicht von Politik abhängig, wir arbeiten faktenbasiert und zeitgemäss. Wir wissen, was Musikerinnen und Musiker brauchen, um Erfolg zu haben.
Wir arbeiten nach einem holistischen Prinzip: «Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile». Wir bilden keine rein fachlich isolierten Musiker aus. Unser Ziel ist, dass die jungen Musikerinnen und Musiker Chancen auf dem Markt haben. Nicht nur ausgebildet zu werden, sondern auch gerüstet für die Zukunft und erfolgreich zu sein.
Der instrumentale Unterricht ist die Basis. Heute muss man international der Beste sein, Nationalwettbewerbe allein reichen nicht mehr. Darüber hinaus gibt es ein zweites Modul: Kammermusik. Hier unterrichten nicht die Lehrer, sondern unsere Alumni, die selbst bereits grosse Karrieren gemacht haben. Sie geben ihr Wissen weiter, teilen Erfahrungen und führen die Stipendiaten in die Praxis ein.
Das dritte Modul ist «Musik und Performance»: Wir widmeten uns intensiv Themen wie Gesundheit, Wirtschaft, Marketing und Steuern, alles sehr wichtige Bereiche, die nicht direkt mit dem Instrument zu tun haben. Beim letzten Symposium waren 19 Expert:innen aus unterschiedlichen Fachgebieten beteiligt. Die 12 Stipendiaten lernten über vier bis fünf Tage, führten Gespräche und nahmen an Schulungen teil, um ein klares Verständnis dafür zu entwickeln, was eine erfolgreiche Karriere erfordert.
Diese Form der Ausbildung mit ihren vier Modulen bietet keine Hochschule. Und vor allem: Wir sind ehrlich zu unseren Stipendiaten. Wer erkennt, dass der Weg auf die internationale Bühne nicht der richtige ist, oder dass die eigenen Stärken anderswo liegen, soll das früh erkennen dürfen. Das ist entscheidend. Denn es gibt kaum etwas Schwierigeres, als Menschen für einen Beruf auszubilden, der sie nicht erfüllt. Unsere Offenheit bewahrt junge Talente vor späterer Desillusionierung und unterstützt sie darin, ihren ganz eigenen Weg zu finden.
Eine Institution über so viele Jahre aufzubauen und zu führen, verlangt viel Durchhaltevermögen. Was braucht es aus Ihrer Sicht, um diesen Weg gehen zu können?
Drazen Domjanic: «Man muss Freude daran haben, etwas über viele Jahre hinweg zu machen. Es braucht sehr viel Leidenschaft. Aber es braucht auch das Leiden dazu, sonst schafft man es nicht.
(Er lacht.)
Über das Leiden könnte ich viel erzählen. Es gab viele Nächte, in denen ich wach lag und nachgedacht habe. Der Betrieb kostet sehr viel Geld; wir sprechen von rund zwei Millionen Schweizer Franken pro Jahr. Dieses Geld muss man jedes Jahr neu finden.
Bekanntlich erhalten wir vom Bildungsministerium eine Unterstützung von 10’000 Franken, darüber hinaus erhalten wir keine staatlichen Gelder. Das hat Vorteile und Nachteile. Der grosse Vorteil ist: Es gibt keine Einmischung durch die Politik in eine Sache, die mit Politik nichts zu tun hat. Der Nachteil ist: Wir müssen ständig besser werden, das ist aber auch ein Vorteil. Denn nur wenn wir exzellent sind, haben wir das Vertrauen unserer Geldgeber.
Gleichzeitig ist es ein grosses Privileg, in einem Land zu leben, in dem es solche Geldgeber gibt. Menschen, die verstehen, wie wichtig klassische Musik ist, die den musikalischen Genuss und die kulturelle Bedeutung schätzen und zugleich erkannt haben, dass nicht alles Aufgabe des Staates sein kann. Das habe ich hier wortwörtlich so erlebt.»
Wie kommen die Studierenden nach Liechtenstein?
Drazen Domjanic: «Es geht nach einem Auswahlverfahren, zuerst wählen wir die Professoren aus. Es ist enorm wichtig, hier die richtigen Leute zu haben, denn nicht jeder Professor eignet sich, an der Musikakademie zu unterrichten. Ich halte die Programme immer auf dem neuesten Stand, unsere Professoren müssen Top-Leistungen bringen. Das ist unsere Führungslinie.
Sobald die Professoren feststehen, schreiben wir die Plätze aus. Jedes Jahr bewerben sich rund tausend Studierende, allesamt sehr talentiert. Wir haben eine Steigerung der Anmeldungen, 2025 waren es 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Breite hat bei uns keine Chance, dafür gibt es andere Institute. Die Professoren wählen dann sechs Studierende aus, vier kommen auf die Warteliste, und allen anderen müssen wir absagen. Das ist sehr viel Arbeit für die Professoren, aber nötig, um höchste Qualität zu garantieren.
Wir beobachten sehr genau: Es gibt junge Menschen, die unter dem Einfluss ambitionierter Eltern stehen und deren Erwartungen erfüllen müssen. Deshalb ist es wichtig, früh zu erkennen, was sie wirklich wollen und was nicht. Andere sind einfach glücklich, hier zu sein und kommen Jahr für Jahr zurück. Alle müssen sich jedes Jahr erneut beweisen; der Besuch im Vorjahr garantiert nichts für das kommende Jahr. Leistung ist das Einzige, was zählt. Herkunft, Beziehungen oder Wohlstand spielen keine Rolle.
Wir beginnen bereits ab neun Jahren. Ursprünglich hatten wir zehn Jahre als Mindestalter vorgesehen, aber wir hatten zwei Neunjährige, die fantastisch waren, eine davon war Noa Wildschut. Unsere Unterstützung reicht bis etwa 29 oder 30 Jahre, durch Kammermusikprojekte sogar noch darüber hinaus. Viele Alumni kommen später als Dozenten zurück, wie Kian Soltani oder Filippo Gorini. Es ist ein langfristiger Prozess.
Die Ausbildung zum Musiker ist wahrscheinlich, neben der Medizin, der längste Weg. Die Musiker beginnen bereits mit drei oder vier Jahren, bis sie ihr Studium abschliessen, vergehen fast 20 Jahre und dann beginnt die eigentliche Karriere erst. Viele enden als Musiklehrer, obwohl sie auf der Bühne sein wollten. Leider wird der Beruf oft als Hobby wahrgenommen. Musik verschönert die Welt, die Gesellschaft geniesst sie, aber kaum jemand ahnt, wie viel Energie junge Menschen investieren.
Wenn die Gesellschaft und die Entscheidungsträger das begreifen, wird sich die Branche verändern. Ohne Musik ist die Welt ärmer, ohne Kreativität fehlt Unternehmertum. Es ist unsere Aufgabe, die jungen Talente zu unterstützen. Dadurch erreichen wir auch internationale Sichtbarkeit, unsere Akademie ist in der Welt bekannter als in Liechtenstein selbst. Mit dem Hagenhaus haben wir den Bekanntheitsgrad im Fürstentum stark erhöht, doch viele verstehen immer noch nicht, was wir tun. Jeder Studierende, der bei uns ist, strebt nach Höchstleistungen, wie etwa Modrić oder Ronaldo im Fussball. Der Weg dahin ist hart, sehr hart, aber er lohnt sich.»
Ende letzten Jahres haben Sie einen Teil dieser grossen Verantwortung abgegeben, stimmt das?
«Ja», lacht Drazen Domjanic, «das ist ganz normal in der Welt. Es gibt nichts Schöneres, als das eigene Werk, das man mit so viel Herzblut gestaltet hat, an jemanden weiterzugeben, der es vielleicht noch besser macht. Wenn man den Nachfolger selbst aussuchen darf, so wie ich es mit Beat Fehlmann getan habe, kann man nur glücklich sein. Ich bin überzeugt, dass Beat die Musikakademie in eine neue Phase führen wird.
Ich selbst bin nicht weg. Im Hintergrund tauschen wir uns täglich aus. Ich sitze im Stiftungsrat, berate bei der Strategie, gebe Inputs, aber die operative Verantwortung liegt bei Beat. Früher war das alles sehr viel operative Arbeit. Irgendwann wird man müde, man möchte einen freien Kopf für neue Strategien haben, für die Dinge, die noch anstehen.
Also, ich bin nicht weg, aber ich bin sehr, sehr glücklich, dass Beat hier ist und die Musikakademie weiterhin wächst und sich entwickelt.»
Spielt künstliche Intelligenz in der Musikakademie auch eine Rolle? Das ist eine Frage, die in letzter Zeit immer relevanter wird.
Drazen Domjanic: «Ich erinnere mich noch gut: Vor etwa drei Jahren war ich mit vier jungen Musikerinnen und Musikern in Kroatien, während einer Urlaubswoche. Abends haben wir GPT ausprobiert. Wir sagten: «Stellt euch vor, Drazen Domjanic ist zukünftiger Präsident von Kroatien (er lacht hier) und muss eine Ansprache halten. Wie soll er sie gestalten?» Natürlich habe ich in «meiner Ansprache» die Musik an die erste Stelle gesetzt, vor Wirtschaft und Gesundheit. Die jungen Musiker waren begeistert. Wir merkten sofort: KI funktioniert nur, wenn sie mit den richtigen Informationen gefüttert wird, ansonsten kann sie irreführen.
Drei Jahre später nutzen diese Musiker KI regelmässig und sie sind damit sehr zufrieden. Ich selbst habe keine Angst vor KI. Sie ist eine wertvolle Unterstützung, auch wenn bestimmte Leistungen dadurch vielleicht rationalisiert werden. Für mich bedeutet es vor allem eine Erleichterung, weil ich meine Zeit neu einteilen kann. So habe ich vielleicht sogar wieder die Zeit, selbst am Flügel zu sitzen.»
Herzlichen Dank für das spannende Gespräch, den tiefen Einblick in Ihre Arbeit und in die Welt der Musikakademie.
Musikakademie in Liechtenstein
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